Kunst zum Anfassen – Soussen

„Tasten, berühren, anfassen…

Soussen vor ihrem Bild „Horizont“, dahiner „Luft“ und „Wasser“

…ausdrücklich erlaubt! Sogar erwünscht!“, betont Soussen bei der Vorbesprechung zum Besuch in ihrem Atelier. Ich bin neugierig und merke, wie ein wenig kindliche Freude in mir aufkommt. Wirklich anfassen? Meistens können wir Kunst eher von der Ferne betrachten, zumindest begegnet man ihr in den Galerien mit einem gewissen respektvollen Abstand (siehe auch hierzu mein Beitrag zu Sandra Vaters wunderbaren Skulpturen) und in den großen Museen sind wir es gewohnt, durch allerlei Sicherheitsvorkehrungen von den Werken fern gehalten zu werden. Allenfalls Skulpturen im öffentlichen Raum sind zu ertasten. Aber Kunst, die wie ein Gemälde an der Wand hängt, anfassen?

Susanne Graues Hände liegen auf „Fire“, darunter „Erde“

Als ich Soussens schließlich in ihrem Atelier in Flughafennähe besuchte, musste ich natürlich zuallererst meine Hände auf ihre Bilder legen und darüber streichen. Ein haptischer Genuss. Einfach anfassen. Raue Oberflächen, ein wenig einem Erd- und Steingemisch gleich, durchmengt mit Farben, die an die Elemente erinnern. So bin ich nicht erstaunt, dass ihr Pentaptychon (ursprünglich ist damit ein Flügelaltar mit dem Schrein in der Mitte und 4 Flügelbildern gemeint, aber dieser Begriff wird auch für ein 5-teiliges Bild verwendet) mit den vier Elementen betiltelt ist. Das fünfte Bild trägt den Titel Horizont…und diesen hat sich Soussen durch ihre vielen Reisen, beruflichen Werdegänge und künstlerischen Experimente eindeutig offen und weit gehalten.

 

Eine künstlerisch späte Geburt…

Strukturdetail

…so könnte man vielleicht den kreativen Werdegang von Soussen in zwei Wörtern beschreiben. Oder doch nicht..? Auf meiner erste Frage im Interview, wie sie denn zur Kunst ohne ein entsprechendes Studium gekommen sei, antwortet sie: „Durch die Geburt meines Sohnes.“ Damit mag ich mich nicht zufrieden geben. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie jede andere Mutter auch, dass die Kinder einen von vielen eingefahrenen und bekannten Wegen abbringen, aber erweckt der Alltag mit Kindern, der uns häufig in Windeln, Lätzchen und Waschmaschine versinken lässt, auch den Künstler in uns?

 

Ich bohre also nach. Und erfahre, dass der Vater, ein verhinderter Künstler, Soussen immer mit in die Museen genommen hat. Seine Liebe zu den kreativen Schöpfungen der ganz Großen hat sie von Kindesbeinen an aufgesogen. Durch die Geburt des Kindes hat sich Soussen bewusst für eine Jobpause entschieden und plötzlich war er da – der Wunsch, selber etwas zu gestalten…

Kreative Analytik…

Die Platten vor dem Zusammenfügen

…ist eine Begrifflichkeit, die mir bei Soussens beruflicher und künstlerischer Entwicklung einfällt. Nach ihrem Abitur macht Soussen eine Ausbildung zur staatlich geprüften Assistentin für Gestaltung im Bereich Holz- und Metalldesign. Im Anschluss studiert sie Wirtschaftsgeographie und spezialisiert sich nach ihrem Master auf die Luftfracht betreffende Themen. Dadurch führt sie ihr Weg nach München an den Flughafen. So strukturiert und analytisch wie in ihrem Beruf antwortet sie auch auf meine Fragen. Und ich liebe es. Lange Umschreibungen und umständliche Antworten? Nicht mit Soussen. Klare Frage – präzise Antwort! 

Pigmente

Auch in ihrem Atelier herrscht eine kreative Klarheit: die verschiedenen Stufen der Bildherstellung sind wie in einem wunderbaren Kunstlabor nachzuvollziehen. Bildentstehung, Farbherstellung, Pinsel und Pigmente – alles in klaren Zusammenhängen geordnet. Und ich denke mir: mein Atelier würde genauso aussehen…

Ihre Art der Malerei oder Bildgestaltung hat sich im Laufe der Jahre sehr gewandelt, so Soussen. „Wie bei einem Lehrling,“, meint sie, “ habe ich nach und nach zu Sicherheit in Ausdruck und Material gefunden.“ Nicht nur legt sie höchste Ansprüche auf die Materialauswahl, sondern versucht, so viele Elemente wie möglich selbst herzustellen. Als Untergrund verwendet Soussen Bauplatten, die sie für großformatige Bilder selbst zusammenfügt, da sie verzugsfrei sein müssen, damit der spätere Aufbau hält. Dann befestigt sie ein Glasfasergitter, welches beidseitig zementiert und somit nicht anfällig für Feuchtigkeit ist. Schließlich bringt Soussen Giessbeton auf, besser gesagt, sie klatscht oder streicht ihn auf den Untergrund – je nach dem gewünschten Ausdruck. Den Beton färbt Soussen selber ein, hierfür hat sie eine Vielzahl an Pigmenten. „Das einzig Vorkonzeptionelle ist manchmal die Farbgebung. Der Dialog mit dem Material ist das Spannendste für mich bei meiner Arbeit.“

Soussen – „Achtes Kuriosum“, Detail

Einen bedeutenden Einfluss auf ihre Arbeit hatten zwei Auslandsaufenthalte: Australien und Katar. Australien hat sehr stark ihre Wahrnehmung für die Natur mit ihren teilweise extremen Ausformungen geprägt. Dies sieht man auch sehr stark in Soussens Kunst. Ich lasse bei der Bildbetrachtung meine Fantasie spielen und sehe Berge, Wasser, Kontinente…

Ihr vierjähriger Katar-Aufenthalt hat nicht ihre Technik beeinflusst, aber ihre Farbwahl, die Ausformung von Ornamenten. Hier hat sie auch mit großem Erfolg Kunstkurse gegeben und sich schließlich entschlossen, die Kunst zur einzigen Profession zu machen. Und sie prägte für sich den Ausdruck des „abstract expressionist“.

Anfassen- ja bitte!

Soussen, „Gondwana“ – Detail

Immer wieder streiche ich über die Bilder. Wie lange braucht Soussen für ein Bild? „Das schnellste mit Trocknungszeit zwei Tage, das längste ein Jahr.“ Und frage Soussen, was eigentlich mit den Bildern passiert, die in ihren Augen nicht gelungen sind…eine Leinwand lässt sich übermalen, aber diese haptischen Bilder…? Soussens Antwort: “ So zickig sich meine Bilder im Entstehungsprozess geben, so unprätentiös sind sie, wenn sie fertig sind. Und recyceln lassen sie sich auch.“

Während ich an dem Blogpost arbeite, ruft mich Soussen an und berichtet von ihrer Nominierung für einen Kunstpreis in Hongkong. Die private Organisation World Contemporary Artists WCA ist eine private Organisation, die Künstler unterschiedlicher Nationalitäten und altersunabhängig zusammen bringen will. Soussen gewinnt in der Kategorie Contemporary Artist – WCA Special Award – Appreciation of Art.

Für mich nicht verwunderlich: Soussens Kunst ist sowohl abstrakt als auch sehr präsent, da man sich über das Betrachten hinaus mit ihr verbinden kann. 

Soussen, „Recycling“

Soussen, „Iceland“

And the winner is: Soussen!

 

 

Susanne Graue

4 Comments

    • Liebe Anja, genau das ist mein Anliegen und es freut mich, dass Du mir spiegelst, dass es gelingt!! Danke Dir von Herzen!

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