Weihnachten und ein kleines Wunder

Unser kleines Weihnachtswunder…

Zwei Familien feiern ihr erstes gemeinsames Weihnachtsfest. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Der Anlass aber schon.

Zwei Kinder haben ihre Mutter verloren.
Meine Kinder ihren Vater.
Der beste Freund meines Sohnes kommt auch dazu – seine Familie ist zerrüttet, dort gibt es kein Weihnachten mehr.

Wir alle sind ein wenig aufgeregt. Soll man fröhlich sein? Darf man das? Michaels Wunsch war es noch im Februar, dass wir den Heiligabend zu viert verbringen. Er hat das Frühjahr nicht überlebt.

Wolf schmeißt am Morgen des Heiligabend die Musik in unserer kleinen Wohnung an.
Wir hören sie alle: Frank Sinatra, Chris Rea, Wham.
Lieder, die mich an 364 Tagen in den Wahnsinn treiben, singe ich am Heiligabend lauthals mit. Inbrünstig.

Am Nachmittag fahren wir los, zusammen mit meiner Tochter. Wir fahren zum Friedhof, dekorieren Michaels Grab mit Weihnachtskugeln, legen genug Futter für die Vögel und Eichhörnchen aus und hoffen, dass die Tiere Party machen. Und wünschen Michael frohe Weihnachten. Es regnet und überall leuchten die Kerzen auf den Gräbern.

Wir fahren weiter durch die Dämmerung, holen Wolfs Mädchen ab. Mit Nanna sitzen sie hinten, Geschenke und Essen auf dem Schoß, ratschen. Wir passieren die Grabstelle ihrer Mutter. Ich schicke einen Gruß hinüber und danke ihr, dass ich mit ihren Töchtern Weihnachten feiern darf.

Bei meinen Eltern angekommen, drehen wir wieder die Musik auf. Meine Mutter rollt damenhaft die Augen. Früher war nicht nur mehr Lametta, sondern naturellement nur ihr Klavierspiel, unser Gesang und die Weihnachtsgeschichte. Dieses Jahr hätte es nicht gepasst. „Tochter, du wirst es wissen. Hauptsache, ich kann hier sitzen bleiben.“, meint sie. Und prostet mit Prosecco zu.

Mein Sohn kommt mit T., seinem besten Freund. Beide eint nicht nur ein mehr als krummer Lebensweg, sondern auch die Liebe zum Zeichnen, Graffiti und Manga-Comics. Ebenso Wolfs Töchter. Sie tauschen sich aus. Man ist höflich, fast ein wenig förmlich.

Und dann sitzen wir alle am Tisch. Alle irgendwie aufgeregt, etwas unsicher. Wie wird es wohl werden, dieses Zusammensein?

Mein Vater spricht. Wie er als Waise 18 Jahre lang nur mit seiner Großmutter gefeiert hat. Und dann zu seinem Onkel zog ins Ruhrgebiet. Dort zum ersten Mal erlebte, was es heißt, mit einer richtigen Familie Weihnachten zu feiern. „Und nun darf ich mit neun Menschen Weihnachten feiern. Was für ein Geschenk. Ein herzliches Willkommen ihr alle.“

Ich hole zwei Kerzen. Spreche und erinnere, dass der Anlass des Zusammenkommens eigentlich ein trauriger ist. Der Verlust von Vater und Mutter. Und dass ich sicher bin, dass sie mit dabei sind, zuschauen, auf uns aufpassen. Wollen, dass wir fröhlich sind. Und dass sie wissen sollen, dass sie mit eingeladen sind, immer ein Teil unserer Runde. Ich zünde für Aimée eine Kerze an und stelle sie zu Wolf und seinen Kindern. Dann eine für Michael, stelle sie zu mir und meinen Kindern. Manche schlucken, einige haben Tränen in den Augen. Wolf sagt: „Und jetzt sind wir zu elft.“

Und dann gibt es Essen, Bescherung, Gespräche. Geschenke werden hin und her gereicht. T. hat extra für uns die Nacht durchgemalt. Beeindruckende Kunstwerke sind entstanden. Meine Tochter erzählt kuriose Geschichten und die Stimmung wird immer gelöster. Wir wechseln die Plätze, die Räume, jeder spricht mit jedem. Ich drücke die Hand meiner Mutter. Auch für sie waren die letzten Jahre hart.

Schließlich laufen alle durch die Wohnung, ratschen, stehen Schlange am Badezimmer, holen wieder Essen aus der Küche, werfen jemandem ein Wort zu. Getränke werden hin und hergereicht.

Am Abend sind zwei Familien und ein junger Mensch zusammengewachsen. Das größte Geschenk von allen.

Wir fahren heim, müde und glücklich.
Wolfs Tochter sagt: „Ich kann kein Weihnachtslied mehr hören.“ Wolf sucht eine Rap-Playlist. Die Bässe wummern auf unserer Fahrt durchs nächtliche München.

Es gibt sie noch, die Weihnachtswunder…

Wir wünschen euch allen fröhliche und gesegnete Weihnachten! ❤️🎁🎄

Zwei Familien und ein neuer Freund.

Susanne Graue

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