“Affenzirkus” – Ilana Lewitan und ihre Kunst

Ilana Lewitan und ihre symbolträchtige Kunst

Ich hasse Affen. Warum, weiß ich auch nicht. Aber ich tue es. Vielleicht ist hassen ein zu starkes Wort, aber ich mag diese Tiere nicht. Daher verweigere ich mich innerlich der wissenschaftlichen Annahme, wir würden von diesem Tier abstammen. Darwin hatte bestimmt nicht immer recht…

Umso stärker sprang mir natürlich der in der Malerei von Ilana Lewitan immer wieder vorkommende Affe ins Auge. Und warum sich an genau diesem Punkt durch die Kunst die Möglichkeit ergibt, persönliche Überzeugungen durch Auseinandersetzung und Reflexion zu überdenken und den eigenen Horizont zu erweitern, zeigt sich am Ende meines Posts…

Ilana Lewitan und ihr gläsernes Atelier…

Ilana Lewitans Atelier…

Ilana Lewitans Atelier ist in einem eigenen kleinen Kosmos, dem Botanikum, zu finden. Eine gefühlte Endlosreihe von ehemaligen Gewächshäusern, in denen sich unterschiedlichste Künstler und Gruppen eine kreative Heimat geschaffen haben. Sobald man Ilanas eigenen Kosmos betreten hat, ist man eigentlich auch schon gefangen…und stellt sich die ersten Fragen. Wie nach den Affen.

Warum wird ein Mensch zum Künstler? Und warum setzt er welche Themen um? Was auf den ersten Satz wie nach zwei Gretchenfragen klingt, ist für mich persönlich der spannendste Aspekt. Gerade dann, wenn man an einigen Darstellung in der Kunst hängen bleibt – sei es, weil man sich völlig eingenommen fühlt oder eben auch nicht. Das zahnradartige Ineinandergreifen von Vita und individuellem Ausdruck eines Künstlers  erschließt einem neue Welten, die über den persönlichen Geschmack weit hinausgehen und Kunst häufig erst in seiner Tiefe und Ganzheit erklären. (…nein, ich erwähne jetzt nicht noch mal die Affen…die Auflösung kommt und sie spiegelt deutsche Zeitgeschichte und die damit verbunden Schicksale…)

Ilana Lewitan und der lange Weg zum eigenen Ausdruck…

Ilana Lewitan: Cube “Im Wandel der Zeit”, 2016; Fotografie auf Plexiglas und Objekte 20 x 20 x 20 cm

Ilanas Kindheit war von der Kunst geprägt. Und zwar nicht nur durch das kultivierte jüdische Elternhaus, sondern durch ihre eigene Freude, sich von Kindesbeinen an mit Stift und Pinsel die Welt zu erobern. Nicht nur ambitioniert, sondern auch talentiert, war sie der Stolz des Vaters, einem leidenschaftlichen Kunstsammler. Sie malte mit 12 Jahren von ihm das erste Portrait und traf sowohl Optik als auch Ausdruck des geliebten Menschen…

Nachdem Ilana die Schule beendet hatte, wollte sie sich endlich auch professionell der Kunst zuwenden. Allerdings bestand der sonst so tolerante und freigeistige Vater auf einer ordentlichen Ausbildung. Und hierzu zählte seiner Lesart nach nicht das Kunststudium… Schweren Herzens gab Ilana Lewitan der vernünftigen Argumentation nach und studierte Architektur und Innenarchitektur in München. Später arbeitete sie in New York im Büro von Richard Meier, als Designerin bei Dakota Jackson und als freie Illustratorin. Alles renommierte Büros und Namen, mit denen man reüssieren konnte…Aber irgendwann wollte Ilana sich nicht mehr zwischen den Welten aufreiben…

Sie studierte Malerei sowohl bei Hans Daucher als auch bei Markus Lüpertz, der für sie zu ihrem künstlerischen Mentor wurde.

Die Bilder erzählen Geschichten…

Ilana Lewitan: “Eine unerwartete Begegnung”, Öl auf Leinwand 100 x 200 cm

“Ich kreiere astrakte Farbräume”, so Ilana Lewitan bei unseren ersten Schritten durch ihr lichtdurchflutetes Atelier. Also Räume, die zwar abstrakt wirken und dennoch eine Geschichte erzählen. Hierbei durchläuft ihr künstlerischer Prozess verschiedene Stufen: zuerst arbeitet Ilana nur über die Farbe, d.h. verschiedene Farbflächen werden auf die Leinwand aufgebracht. Dies nicht nur spontan, sondern komponiert – mit einem sicheren Gefühl für die Verbindung der Farben und Flächen. Dann betrachtet sie letztere mit etwas Abstand und es drängt sich eine Geschichte auf…die Farbe wandelt sich in Form. Es fügen sich Gestalten, Tiere, Elemente hinzu, die eine magische Welt der Symbolik eröffnen. Bei der Betrachtung der Bilder ertappe ich mich dabei, wie ich innerlich beginne, eine Geschichte zu den Bildern zu schreiben…

Ilana Lewitan: “WWW.WALDPOESIE.IL” 2018; Öl auf Leinwand 140 x 140 cm

Ilana Lewitan malt, aber arbeitet auch an Plastiken. Vor allem ihre Cubes, Plexiglas-Würfel, von außen mit Fotografien versehen und befüllt mit unterschiedlichsten Materialien haben große Aufmerksamkeit erregt. In ihrer Malerei arbeitet Ilana Lewitan sowohl mit Acryl- als auch Ölfarben. Acryl hat den Vorteil, dass man schneller verschiedene Farbschichten auftragen und somit den Prozess in einer zügigeren Abfolge beschleunigen kann. Ölfarben hingegen sind leuchtender, der gewünschte Farbton wird genauer getroffen. Allerdings dauert die Trocknungsphase der Farben zwei bis drei Tage. Hier ist also kein impulsives schnelles Arbeiten möglich – dafür bietet die gewissermaßen erzwungene Pause auch die Möglichkeit, mit etwas mehr Abstand an das Bild heranzutreten und die kreative Richtung zu ändern. 

Ilana Lewitan: “Die Rückkehr”, 2016, Öl auf Leinwand 20 x 60 cm; eines meiner Lieblingsbilder…der Wolf in uns…

Verschiedene Motive tauchen immer wieder auf: Affen, Wölfe, eine Banane, der Wald, ein Koffer, Elemente aus unserer digitalisierten Zeit wie Netzkabel, Tastaturen… Hier möchte die Bloggerin Näheres zu wissen, was hat es damit auf sich?

Die Künstlerin im Zwiegespräch mit dem Affen… Ilana Lewitan: “Worauf kommt es an?”, 2017, Öl auf Leinwand 160 x 250 cm

Als nach dem frühen Tod des Vaters schließlich auch die Mutter verstarb, ging es an die Auflösung des Haushaltes. Viele wundervolle Bilder befanden sich darunter. Eines jedoch war Ilana Lewitan besonders ans Herz gewachsen: das Bildnis einer jungen Frau, die einen Affen im Arm hält, gemalt von Gabriel von Max, der Ende des 19./Anfang des 20.Jahrhunderts am Starnberger See lebte und dort auch Affen züchtete. Das Bild wurde schließlich doch verkauft, aber die Kindheitserinnerungen, verbunden mit der Liebe zum Vater und dessen Passion des Kunstsammelns, lässt Ilana Lewitan in ihrer wiederkehrenden Affenfigur als emotionales Symbol lebendig werden. Beim Aufräumen des Hauses fand sie auch das von ihr als Jugendliche – fotorealistisch – gemalte Bild einer Banane. Der stolze Vater hatte es all die Jahre aufgehoben… 

Ilana Lewitans jüdische Eltern waren Opfer der Schoah. Die Eltern waren in Polen geboren, die Mutter lebte in Warschau und überlebte das Ghetto. Der Vater wuchs in einem kleinen Stetl auf. Beide lernten sich nach der Befreiung in Deutschland kennen und wollten wie so viele osteuropäische Juden eigentlich nach Israel oder Kanada auswandern…und blieben doch. Seinen qualvollen Leidensweg hat der Vaters seiner Tochter nie vollständig erzählt, aber doch drangen ein paar Geschichten durch. Zwei davon haben mich besonders berührt.”Meine Eltern sprachen immer davon, dass sie ihr Leben lang auf Koffern gelebt haben, mehr das Gefühl einer steten Heimatlosigkeit als der tatsächliche Wunsch, weggehen zu wollen. Wie fast alle Überlebenden der Schoah, die sich  in Deutschland nicht zuhause fühlen konnten, diesem Land, dass ihnen Tod und Unglück gebracht hat. Aber verbunden mit der tiefen Sehnsucht nach einer Heimat, in der man den Raum findet, seine Lebensform und Religion leben zu können.” Hier also fand nun der Koffer seinen Weg in ihre Malerei…

Die Bloggerin mit Ilana Lewitan…mein Strahlen gilt dem Gesehenen und Gefühlten, der ganzen Kunst.

Als Ilanas Vater sich vor den Nationalsozialisten versteckte, lebte er lange Zeit auch im Wald. Er nahm einen verwaisten Jungen zu sich und beschützte und versorgte ihn, so gut es ihm in dieser Zeit möglich war. Als der Vater in den Nachkriegsjahren sich eines Tages in Tel Aviv in eine Taxi setzt und schließlich bezahlen möchte, sagt der junge Fahrer zu ihm, dass er von ihm nie auch nur einen Cent annehmen würde. Er würde ihm schließlich sein Leben verdanken. Es war der Junge aus dem Wald…

 

 

Am Ende meines Besuches bin ich nochmal durch Ilana Lewitans wundervolles Atelier gegangen und habe mir, mit all diesen inneren Bildern angefüllt, ihre Malerei und ihre Cubes noch einmal in Ruhe angesehen…voll von Geschichten, von kraftvollen Bildern und tiefer Symbolik. 

Und seitdem mag ich Affen.

Kontakt: http://www.ilana-lewitan.de 

Susanne Graue

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