Erwin Olaf – Unheimlich schön in der Kunsthalle München

Erwin Olaf – der Fotograf der provokanten Inszenierung in der Kunsthalle München

Seit Monaten hängen in München die Plakate zur Ausstellung von Erwin Olaf, einem renommierten niederländischen Fotografen. 
Äußerlich perfekte Szenarien, gepaart mit einer merkwürdigen Kälte, welche zeigt: hier hat die Perfektion Risse, der Mensch ist einsam…

Wir konnten an einer ausgezeichneten Führung mit dem Direktor der Kunsthalle München, Roger Diederen teilnehmen. Er erklärte uns unglaublich anschaulich Erwin Olafs Sichtweise, wir tauchten ein in dessen herausragende künstlerische Entwicklung, welche seinen Weg nimmt von nackten Körpern, zu verfremdeten Persönlichkeiten, bis hin zu Szenen der amerikanischen PopArt – alles in einer ganz eigenen Interpretation, nie bloßstellend und doch erschreckend entlarvend. Ob das Modell oder die Sichtweise des Betrachters, das sei dahingestellt…

Besucherin vor einer inszenierten Prinzessin Diana.

Erwin Olaf – Selbstbildnis während der Corona Pandemie

Mit Roger Diederen, Direktor der Kunsthalle München

Olaf ist in den Niederlanden eine Berühmtheit. Als Fotograf sammelte er Erfahrungen mit Projekten für namhafte Firmen wie Levi’s oder Diesel, immer mit dem Drang zur Provokation, wie es in der Modebranche gerne gesehen wird. Er gewann nicht nur Preise, sondern auch das Vertrauen der königlichen Familie und durfte sie porträtieren.

Aber Olafs Können liegt nicht in dem Ablichten prominenter Zeitgenossen, es ist sein Können zu schockieren, zu provozieren. Dennoch: dieses Können kommt in seinen künstlerischen Arbeiten meist auf leisen Sohlen daher. Es ist vielmehr ein Weglassen, dass einen die Einsamkeit oder Leere der Protagonisten spüren lässt. 

Erwin Olaf – Fotos wie ein Schachspiel inszeniert

Erwin Olaf – Sexualität und Ästhetik pur

Erwin Olaf – Körper, Sexualität und Selbstbestimmung

Der Körper ist ein wichtiges Mittel für Olaf, Kraft, Leidenschaft, Trauer, Widersprüchliches des Menschen zu zeigen. Wer auf den ersten Blick glaubt, hier ginge es vornehmlich um Nacktheit und Voyeurismus, irrt. Olaf ist durchaus ein politischer Fotograf, der Themen wie Sexismus, religiösen Fanatismus, Homophobie auf seine Art zeigt: mit vermeintlich perfekten Oberflächen, unter denen das alltägliche Grauen im Kleinen wartet. Oberflächen, die wir auf den ersten Blick bewerten, weil vielleicht zu dick, zu dünn, zu dunkel, zu hell, zu sexuell sind. Aber denen Olaf ihre ganz eigene Ästhetik und Würde gibt.

Videoinstallation – menschliche Körper in verschiedenen Posen des Widerstandes, der Verletzlichkeit. Arbeit als Reaktion auf den islamistischen Anschlag auf die Pariser Satirezeitung Charlie Hebdo.

Ein Raum voller nackter Körper. Perfekt, unperfekt aber immer schön.

Wir durchschreiten verschiedene Räume, die immer ein Thema beinhalten: seine Isolation während Corona, verstärkt durch seine chronische Krankheit (aufgrund dessen ihm nur noch 20% seines Lungenvolumens zur Verfügung steht), über die Anschläge auf die Pariser Satirezeitschrift Charlie Hebdo, bis hin zu Szenen aus der Zeit des Kennedy Attentates. Es sind Hommagen an Robert Mapplethorpe, David Hockney und sogar an die Maler der deutschen Romantik erkennbar. Einsamkeit in Palm Springs, in Singapur, in den USA. Ein Ringen zwischen Schönheit, Vollkommenheit, den Geschlechtern, der Sexualität, der Hautfarben und letztendlich dem Wissen, dass es den perfekten Zustand nicht gibt. Und eigentlich nur ein Mensch einem anderen die Hand reichen müsste…

Jedes Foto ist aufwändig inszeniert, nichts dem Zufall überlassen, allesamt großartige Kompositionen mit einem enormen Aufwand, wie man es von Filmsets kennt. Er arbeitet analog und digital, er lichtet ab oder verfremdet – mal nacheinander, mal alles zusammen.

Politische Statements, die Erinnerung an die Vergänglichkeit und Heimat neu gesehen

Für mich besonders beeindruckend: das Selbstbildnis, auf welchem Erwin Olaf allein die Treppe des Berliner Olympiastadions hochsteigt, eine Treppe welche seinerzeit Hitler vorbehalten war. Für Olaf, als homosexuellen Künstler, ein politisches Statement, welches er sich aufgrund seiner Krankheit unter höchsten Anstrengungen abringen musste.

 

Erwin Olaf – sein Aufstieg der Treppe im Berliner Olympiastadion. Einst nur Hitler vorbehalten, setzt der homosexuelle Künstler hier ein Statement.

 

Olaf liebt die Schönheit. Aber es gibt keine Schönheit, die ewig hält.

Das Welken und Wiedererblühen eines Tulpenstraußes in Erinnerung an seine verstorbene Mutter zeigt unser aller Vergänglichkeit. An die eigene Mutter denkend überkommen mich in diesem kleinen schwarzen Raum die Tränen. Auf ein Video mit nur einem Blumenstrauß zu blicken und ergriffen zu sein – darin liegt das Können von Erwin Olaf.

Verfremdete Jackie Kennedy und Kaiserin Sissi. Beide in Verbindung mit den Attentaten.

Der Video-Loop mit dem Tulpenstrauß als Hommage an Erwin Olafs verstorbene Mutter.

 

Zuletzt stehen wir im Raum, welchen er extra für die Ausstellung in München konzipiert hat. Auf den ersten Blick Szenen, die in Teilen an die Romantik von Kaspar David Friedrich erinnern. Und dann sofort die Erwin Olafsche Irritation hervorrufen. Bayrischer See mit König-Ludwig-Schwanen-Boot – darin eine Frau mit Burka und Regenschirm. Einsam auf dem Wasser. Idyllischer Wasserfall vor majestätischer Bergkulisse. Davor kein bajuwarischer Wandersmann, sondern wunderschöne nackte Menschen mit dunkler Hautfarbe, welche das jahrhundertealte Klischee von Heimat durchbrechen. Aber vielleicht doch nicht ganz…denn die Welt ist im Wandel, heute mehr denn je. Und: auch Kaspar David Friedrich war ein politischer Maler, was vielleicht die Wenigsten wissen…

Romantik in deutschen Landen? Eher aktuelle Szenarien in einer veränderten Welt.

 

Als wir die Ausstellung verlassen, sind wir zuerst ganz still. Schließlich frage ich Wolf wie es ihm als Fotografen mit dieser Ausstellung geht.

Er antwortet: „Wie es mir geht? Ich gehe hier raus mit dem Gefühl: Ich kann nichts.“ 

Schönheit und Einsamkeit.

Wolf Heider-Sawall, Fotograf und Roger Diederen, Direktor der Kunsthalle München

Fotos: Wolf Heider-Sawall

 

„Erwin Olaf – Unheimlich schön“ noch bis zum 26.09.21 zu sehen in der Münchner Kunsthalle.

 

 

 

Susanne Graue

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